Porträts enthalten Geschichten. Aber welche Geschichten enthalten sie? Und wie werden sie erzählt?

In Kürze: Bilder sind kondensierte Geschichten-Fragmente, die der Betrachter für sich übersetzt und in die er sich hineinversetzt fühlen soll. Ein gutes Porträt sagt dem Betrachter genausoviel über sich selbst, wie über die Person im Bild. Und: Von Personen, die man kennenlernen will, hat man das Gefühl, sie eigentlich bereits zu kennen,

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Zugegeben, keines dieser drei Bilder macht sich sonderlich gut als Bewerbungsphoto (oder als 60×80 Alu-Dibond-Druck). Aber solche goofing-around Sessions machen sich bei Porträt-Shoots meistens ganz gut als Aufwärm- und Entspannungs-Übung und es entstehen oft die köstlichsten Bilder dabei, die für gewöhnlich sofort wieder gelöscht werden. Aber hier dienen sie mir ausnahmsweise als Anschauungsmaterial.

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Im Vergleich zu der oberen Reihe, präsentieren sich diese drei geradezu zahm. In allen 6 Photos aber beobachten wir als Betrachter eine Handlung: Sei es Lachen (nämlich jenes ganz spezifische Lachen, bei dem man sich zur Seite hin weg dreht), gespielter Skeptizismus, melancholisches Tagträumen, oder das leicht verärgerte Aufblicken eines Mannes, der gerade in Gedanken unterbrochen wurde (von uns nämlich). Wir wissen nicht, was er gerade dachte und wie wir ihn störten, warum er so melancholisch und worüber er so skeptisch ist (und warum er dabei ein Handy in der Hand hat). Aber wir wollen ja auch gar keine homerischen Epen, sondern Bilder, die wir sofort und ohne darüber nachzudenken verstehen.

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Diese finale Serie endlich besteht aus Bildern, die tatsächlich an den Kunden gehen würden (mit noch etwas Nachbearbeitung allerdings). Und sie scheint auf den ersten Blick frei von den relativ exzessiven bzw. offensichtlichen Erzählungen und Rollen der ersten beiden Serien zu sein. Wir haben drei Arten zu lächeln, keine großartigen Körperverrenkungen, alle drei blicken direkt in die Kamera. Und dennoch ist jede der drei Personen fühlbar in eine Situation eingebettet, von der wir nur 1/200 Sekunde (und selbst davon nur den Ausschnitt der Kamera) zu sehen bekommen. Denn Bilder sind kondensierte Fragmente einer Geschichte, die der Betrachter entpacken und für sich übersetzen muss. Dabei ist das Endergebnis, also die Mikro-Geschichte, die das Bild schlussendlich erzählt, von Betrachter zu Betrachter verschieden. Jeder Betrachter personalisiert die Bilder und füllt sie mit der eigenen Lebenserfahrung aus.

Deswegen ist es auch so unglaublich wichtig, den Betrachter mit den Bildern anzusprechen. Gerade für den klassischen Headshot, also Bewerbungsphotos oder Profilbilder, muss der Betrachter sich als Teil der im Bild dargestellten Situation fühlen (und das hoffentlich auf eine angenehme Art und Weiße 😉 ). Denn jemanden kennenlernen zu wollen ist das Resultat des Gefühls, diese Person eigentlich bereits zu kennen, einen Rapport mit ihr zu haben, und nur noch den letzten Schritt des Händeschüttelns und Kaffeetrinkens absolvieren zu müssen. Und weil ich es in den Bildern der letzten Serie stets mit Reaktionen auf mich, den Betrachter, zu tun habe, sagen die Bilder genauso etwas über mich, wie über die Person im Bild aus (und das nicht bloß, der Schreiber dieses Artikels auch tatsächlich in den Photos sitzt 😉 )

Ein letzter Punkt:

Ich hatte kürzlich das Vergnügen, das neue Buch einer meiner Professoren wieder zu lesen, in dem neben einer beeindruckenden Gelehrsamkeit auch die eine oder andere Weisheit versteckt ist. Und auch wenn darin eigentlich von etwas ganz anderem die Rede ist, gibt es da einen Punkt, der uns hier deutlich weiter bringt. Es ist nämlich durchaus von Vorteil, wenn die Geschichte, die ein solches Porträt erzählt, nicht allzu spezifisch ist. Im Vergleich zu den ersten beiden Serien, ist die dritte eher neutral. Die ersten beiden erzählen von sehr spezifischen Emotionen und Charakteren (und sind immer noch dezent im Vergleich zu elaborierteren Porträts wie Tuschmanns Hopper Series), die dritte ist offener und lässt damit mehr Geschichten zu. Und je mehr Geschichten sich erzählen lassen, desto mehr Menschen können sich mit dem Porträt identifizieren. (Die Sozialwissenschaften haben dafür sogar den Begriff “Anschlussfähigkeit” entworfen!

Dieser Artikel ist der zweite Teil einer zweiteiligen Serie zum Storytelling in der Porträt-Photographie. Den ersten Artikel, über den Einsatz von Geschichten während des Porträt-Shoots, findet ihr hier.

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One thought on “ Die Story im Bild: Porträts und ihre Geschichten ”

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